„Jetzt versteh ich auch, wieso das im Keller stattfindet“, kommentieren die beiden Autoren (und Darsteller) Sabine Putzler und Meinolf Schubert in ihrer Eingangsperformance selbstironisch. Beide spielen ein altes Ehepaar, das überlegt den Literaturzirkel „Kalker Kaffee“ zu besuchen, dabei Texte vorliest und direkt danach in den Papierschredder steckt. „Kalker Kaffee“ findet an diesem Samstagabend zum 25. Mal statt. Gegründet wurde die Lesereihe 2007 von der Online-Journalistin Anja Sauerwald, dem Personalberater Heiko Schomberg, dem Grafiker Eicke Frohwein und choices-Filmkritiker Hartmut ‚Ernesto’ Ernst in Sauerwalds und Schombergs Wohnzimmer, die beide mittlerweile miteinander verheiratet sind.
Der Zirkel ist zwar in eine etwas größere Location, in den Keller des Bürgerhauses Kalks, umgezogen, hat aber nichts von seiner Familiarität eingebüßt. Im Gegenteil, man kennt sich hier, aber auch Außenstehende fühlen sich gleich willkommen. Ernst ist damit schon zufrieden: „Ich will gar nicht, dass es größer wird.“ Einzige Ungereimtheit: Es gibt keinen Kaffee, sondern Bier, das aber vom Publikum an diesem schwülen Abend dankend entgegen genommen wird.
Der Autor Dimitrios Athanassiou sorgt direkt zu Beginn für ein kleines Highlight. Mit seinem Text „Vorstadthelden“ über die Gang bzw. Bande seiner Kindheit lässt er Nostalgie-Gefühle aufleben, die in ihren besten Momenten an den Film „Stand by Me“ erinnern. Es wird hitzig über den Gangnamen „Achims Rebellen“ diskutiert, weil Achim der älteste von allen ist und ein Bonanzarad sein eigen nennen darf. Er verehrt James Dean „abgöttisch“ und schreitet dementsprechend mit „sagenhafter Lässigkeit“ voran. Wie üblich in einer solchen Jungs-Konstellation, ist auch der Streit mit einer gegnerischen Mofabande nicht weit, die einfach in das Territorium von „Achims Rebellen“ eindringt.
Eine Situation mit Wiedererkennungswert, in der sich wahrscheinlich jedes ehemalige Mitglied einer Jugendbande schon einmal befunden hat. Athanassiou beschreibt seine Kindheitserfahrungen mit lebendiger Sprache. Wenn er jedoch die Herbstlandschaft als „botanisches Kaleidoskop“ bezeichnet, welches „das Auge in allen Variationen von grün, gelb, rot und bis hinein ins rostfarbene“ beglückt, wirken seine Formulierungen recht überambitioniert.
Lutz Goertz erzählt dagegen in „Der kreative Prozess“ von einem namenlosen Autoren, der als geistiger Vater vieler literarischer Strömungen gilt: „Surrrealismus“, „Neogrobianismus“, „absurdes Theater“ und dann „Fluxus“. Mit 28 Dramen, 13 Gedichtbänden und unzähligen Essays stand er jahrelang an der Spitze der Bestsellerliste. Dank großem Lob des Feuilletons findet er auf der Frankfurter Buchmesse 1973 das Selbstvertrauen, bei einer Podiumsdiskussion Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ zu kritisieren.
Jahre später ist er jedoch in Vergessenheit geraten und schafft es nicht einmal mehr, einen Leserbrief zu veröffentlichen. Seine Inspirationsquellen stellen letztendlich die Vögel in seinem Garten dar. Hier glaubt er, das authentische und ungeschminkte Leben gefunden zu haben. Allerdings machen ihm die eigenen dichterischen Ambitionen einen Strich durch die Rechnung und er schreibt simple Vögel in existentialistische Kohlmeisen um. Er meint eine literarische Gattung mit dem Namen „realistischer Animismus“ oder „animistischer Realismus“ geschaffen zu haben.
Goertz, der mit seiner Art selbst an einen verkopften Professor erinnert, schafft es, das Feuilleton und den kreativen Prozess von selbstverliebten Autoren überzeugend auf den Arm zu nehmen. Laut seiner eigenen Aussage handelt es sich um einen fiktiven Autoren. Goertz hat aber viele reale Schreiber zum Vorbild genommen. Einer davon ist Erich Kästner, „der leider am Ende seines Lebens nur noch trübsinnig in den Garten geschaut hat, anstatt weiter tolle Gedichte und Bücher zu schreiben“.
Etwas ernster, aber nicht ohne sarkastischen Humor führt Autorin Elly Lindemann durch die Odyssee ihres „Fernsehabends“. Sie beschreibt den Dämpfer, der die Tagesschau auf einen Abend wie diesen ausüben kann: Kriege und Tote dominieren in einer „Auswahl der Krisenherde“ das Programm und über die Abwehr illegaler Einwanderer wird wie über „Insektenvernichtung“ geredet. In diesem Zusammenhang stellt Lindemann auch die ewige Frage nach der Political Correctness: „Sagt man schwarz, Farbiger oder Afrikaner?“ Sie kommt zu dem Schluss, dass Sprache keinerlei Bedeutung hat, wenn Menschen sterben oder deren Hilfe abgewiesen wird. Politisch korrekte Sprache mutet in diesem Kontext geradezu lächerlich an.
Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt Meinolf Schuberts Text über „Lukas“. Zunächst schafft es Schubert noch, den Zuhörer auf amüsante Weise in den Gedankenstrom des Titelhelden einzuführen: Lukas befindet sich auf dem Rückweg von einer Party, denkt über den Abend nach, die „geile Musik“, sucht verzweifelt nach seinem Tabak und spielt mit dem Gedanken mal wieder Gitarre zu üben. Doch plötzlich schlägt die Stimmung um und Lukas wird von einer Gruppe Schläger angegriffen.
Schuberts erst süffisanter Vortrag wird immer nervöser und mit kurzen, abgehackten Sätzen unterstreicht er diese Hetzjagd und die Verzweiflung des Protagonisten. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei Lukas um Meinolf Schuberts eigenen Sohn, der auf dem Weg zum Bahnhof Deutz angegriffen und dort von der Polizei stehen gelassen wurde. Allein und verletzt macht er sich auf den restlichen Weg nach Hause. Angesichts dieser Ungerechtigkeit wirkt Schuberts Vorstellung zum Schluss hin relativ gefasst. Vielleicht weil er innerlich resigniert oder weil er durch das Schreiben einen Weg gefunden hat, mit dieser traumatischen Erfahrung umzugehen.
Trotz solch trauriger Geschichten ist keine Spur von Verdrossenheit zu spüren. Hier geht es darum, Literatur als Ausdrucksform und Verarbeitung von komischen, dramatischen und authentischen Geschichten zu feiern. Diesem Gedanken wohnt eine gewisse Romantik inne, die wohl in kleinen Literaturzirkeln der gleichnamigen Literaturepoche zu finden war. Hartmut Ernst drückt es viel simpler aus: „Ich bin einfach stolz auf diesen Scheiß!“
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