Es lief am Anfang alles ganz anders als geplant. Die Rede ist vom Beginn von Henry Purcells Barockoper „Dido und Aeneas“, mit einer nicht ganz einfachen Story und dann auch noch auf Englisch gesungen. Gut informierte Jugendliche sollten am Donnerstag den Zuschauern lange vor Beginn der Aufführung im persönlichen Gespräch und in kleinen Gruppen die komplexe Geschichte erklären und dann erst das Programmheft aushändigen. Leider hatte man nicht mit dem Drang der über 300 Zuschauer gerechnet, sich unbedingt einen guten Platz in der Theaterscheune mit nicht nummerierten Plätzen zu ergattern. So wurden die Ordnungskräfte fast überrannt, die meisten Zuschauer saßen bereits, obwohl die Bühne noch gar nicht vorbereitet war. Eiligst beorderte der kroatische Regisseur Valerij Lisac, der in Köln lebt und auch hier studiert hat, seine Truppe mitsamt den Requisiten auf die Bühne, um die erste Szene zu präsentieren: Der phönizischen Prinzessin Dido, die von ihrem machtgierigen Bruder verfolgt wird, war vom König Iarbas so viel Land versprochen worden, wie sie mit einer Kuhhaut umspannen kann. Typisch weiblich, lässt sie die Haut in feine Streifen schneiden und erbaut auf dem damit umringten Gelände später die Stadt Karthago. Eindrucksvoll passierte das auf der T-förmigen Bühne mit einer großen Rettungsdecke als Haut, mit Hintergrund-Begleitmusik von Lully und Marais, barocke Meister aus dem 16. Jahrhundert, und wunderbar präsentiert vom kleinen Cölner Barockorchester unter Peter Seymour zusammen mit dem sehr agilen Perkussionisten Philipp Lamprecht. Auch wenn sich der Regisseur den Beginn sicher ganz anders vorgestellt hatte – live ist live, und spannend war es allemal.
Die Idee, eine solche Aufführung auf diese Weise zu stemmen, kam vom Knechtstedener Dirigenten Hermann Max, einem Urgestein der Barockszene. Vom nahe gelegenen Berta-von-Suttner-Gymnasium wurden Schülerinnen gecastet, die wie im griechischen Theater den Ausdrucks- und Bewegungschor darstellen sollten; die Schüler des Norbert-Gymnasiums kümmerten sich um Bühne und Licht. Das Tragen von einheitlichen Masken wurde jedoch von den jungen Damen, die auf ihr individuelles Outfit nicht verzichten wollten, so einhellig wie energisch abgelehnt, dass auch die Choreografin Sonja Franken nicht dagegen ankam. Interessante Unterschiede zeigten sich auch bei den Charakteren. Viele tanzten mit sehr viel Selbstbewusstsein und festem Blick, andere ließen die Schultern hängen und entschuldigten sich fast, hier auf der Bühne zu stehen.
Im Café des Kölner Bauturmtheaters, dem nächsten Wirkungsort des Regisseurs, äußerte sich er am nächsten Tag im privaten Gespräch sehr erstaunt über die doch geringe Allgemeinbildung der Schülerinnen in Sachen Geschichte, Kunst und Kultur – Facebook und die Vereinheitlichung lassen allerorten grüßen. Aber das Projekt war als Synthese für die Arbeit von Opern-Profis und Opern-Startern dennoch gut geeignet, den Blick der Jugend auf die ältere Generation zu schärfen. Lisac ist froh, trotz knappem Budget, nur wenigen Proben und einer nicht gerade geeigneten Location ein paar Denkanstöße hinterlassen zu haben. Der Regisseur empfand seine Aufgabe vor allem als eine kuratorische: Mit der Musik, dem Libretto und den Quellen hat er sich auf die Suche nach Motiven und der gesellschaftlichen Relevanz eines Kunstwerks gemacht. Der Besucher sollte aber der Souverän seiner eigenen Erfahrung bleiben. Die Inszenierung ist ein Mosaik an Angeboten, die jeder individuell konfigurieren kann.
Als Vokalisten griff man auf Stimmen aus der Kölner Hochschule für Musik und Tanz zurück: Theresa Klose, Rahel Flassig, Christina Maier, Anna Lautwein, Luca Segger und Maximilian Fieth hatten sich im Vorsingen qualifiziert und auf der Bühne bestens bewährt. Wenngleich es nicht einfach war, den Sängern ihre Rollen zuzuordnen – oder umgekehrt: der Blick schweifte immer wieder umher auf der Suche nach leider nicht vorhandenen Übertiteln. Ganz besonders machte das Vokalensemble Acappellonia auf sich aufmerksam: Die vier Sänger/innen Eva Bächli, Veronika Grewelding, Peter Dahm Robertson und Christoper Auer glänzten wohltönend und trotz der Mini-Gruppe mit tollem Sound; das war musikalisch klar das Highlight des Konzertes. Natürlich müssen auch die herausragende Leistung der Titelfiguren Bethany Seymour (Dido) und James Gilchrist (Aeneas), beide Profis im Barockgesang, genannt werden.
Lisac hatte eine Installation mit Müll vor die Bühne gestellt, mit allerlei Plastikabfällen aus dem Meer, auch eine Schwimmweste war darunter; Symbol für übers Meer Geflüchtete vor einer Videoprojektion von Meereswellen auf dem Bühnenhintergrund. Auch der Hirsch, in den Actaeon zur Strafe verwandelt worden war, weil er die Göttin Diana bei Bade beobachtet hatte, war eine Konstruktion aus Plastik-Abfällen. Dennoch – der Umgang mit diesem Müll und die Diskussion darüber – auch das war ein totales No-Go für die Jugendlichen; man sah diesen Dreck doch gar nicht mehr. Obwohl – dieser Müll stellte gleichzeitig einen mahnenden Hinweis auf die immense Verschmutzung der Meere mit Plastik dar, wie es das Kölner Bauturmtheater jüngst mit „Der siebte Kontinent“ eindrucksvoll beklagt hat.
Alle Beteiligten, die Zuschauer inbegriffen, dürften sehr zufrieden gewesen sein mit dem „Dido-Experiment“, die Barockzeit mit der Musik und ihrem kulturellen Hintergrund und moderner Technik verknüpft zu haben; eine sehr sinnvolle Ergänzung des Schulstoffs. Entsprechend umfangreich und laut fiel auch der Schlussbeifall aus. Und wer bislang nicht wusste, woher der Spruch „Das geht auf keine Kuhhaut“ kommt – jetzt wissen Sie es.
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