choices: Herr Eckert, wie beeinflusst die Kolonialgeschichte das Verhältnis zwischen den sogenannten Industrie- und den Entwicklungsländern?
Andreas Eckert: Grundsätzlich kann man sagen, gerade in Bezug auf Afrika ist es so, dass eine ganz zentrale koloniale Konstellation noch immer besteht. Afrika liefert Rohstoffe, die in Europa oder anderswo verarbeitet werden und nur sehr, sehr wenige Menschen in Afrika selbst profitieren von diesen Rohstoffen oder den Gewinnen daraus. Zum Beispiel Erdöl aus Nigeria, was potenziell eines der reichsten Länder des Kontinents ist. Die Mehrheit der Bevölkerung spürt lediglich die Folgen wie Umweltverschmutzung und dergleichen. Diese Konstellation war prägend für die europäische Kolonialherrschaft. Es gab ein Interesse an Rohstoffen, das konnten auch „menschliche Rohstoffe“ sein, nämlich Sklaven oder dann eben Gold, Diamanten und später Erdöl oder Erze. Und das hat sich eigentlich bis heute gehalten.
„Der Kolonialismus beeinflusst unser Leben bis heute“
Reporter spürten nigerianische Romance-Scammer auf und fragten, ob die Betrüger kein schlechtes Gewissen hätten, ältere europäische Frauen um ihr Erspartes zu bringen. Antwort war sinngemäß: „Nein, ihr habt unserem Volk die Diamanten weggenommen.“ Ist in „Opferländern“ die Kolonialzeit präsenter als bei uns?
Das ist natürlich schon etwas komplizierter. Der Hinweis nach dem Motto „Wir holen uns jetzt gewissermaßen das zurück, was uns vorher genommen wurde“, ist in diesem Fall eine faule Ausrede oder wird strategisch eingesetzt. Es gibt ja auch andere Mittel und Wege, die ehemaligen Kolonialherren und Mächte zur Rechenschaft zu ziehen. Das Wissen über den Kolonialismus ist auch in Afrika selbst extrem unterschiedlich. Ich wäre vorsichtig, so eine Formel zu postulieren, wonach man sich in Afrika erinnert und in Europa vergisst. Aber natürlich beeinflusst der Kolonialismus das Leben in den ehemaligen Kolonien, aber auch unser Leben bis heute. Der lange Schatten des Kolonialismus zeigt sich in vielem, was damit einhergeht, wie Rassismus und Herablassung oder eben auch die Tatsache, dass nur sehr wenige Menschen in ihren Ländern von den Reichtümern etwas abbekommen.
Afrikaner haben im Zweiten Weltkrieg in Europa gekämpft. Kim Jong-un schickt jetzt Nordkoreaner wie als „Kanonenfutter“ für die Russen in den Ukraine-Krieg und Trump will aus dem Gaza-Streifen „die Riviera des Nahen Ostens“ machen. Wie sehen Sie das als Historiker?
Die nordkoreanischen Soldaten, die für Russland in der Ukraine kämpfen und Trumps Fantasien, was aus dem Gazastreifen werden soll, sind ja noch zwei sehr unterschiedliche Dimensionen. Aber richtig ist natürlich, dass afrikanische Soldaten und überhaupt Soldaten aus den Kolonien im Ersten und Zweiten Weltkrieg zu einem sogar ganz beträchtlichen Teil für die Kolonialherren gekämpft haben. Die europäischen Kolonialmächte hatten dringenden Bedarf an Soldaten und haben versprochen: „Wenn ihr für uns kämpft, im Namen der Demokratie und für eine bessere Welt, dann habt ihr natürlich auch etwas davon.“ Diese Versprechungen wurden nie eingelöst. Eine der wichtigsten Erklärungen für das Ende der Kolonialherrschaft ist eben auch, dass gerade in den beiden Weltkriegen viele Versprechungen gemacht wurden, die dann nicht eingehalten wurden. Das hat natürlich den Protest und Widerstand der Kolonisierten hervorgerufen. Ich wäre jetzt ein bisschen zurückhaltend, das sozusagen eins zu eins auf gegenwärtige Konstellationen zu übertragen. Trotzdem, wenn man sich anschaut, wer in den Armeen kämpft, werden bestimmte Hierarchien deutlich: So haben aus ärmlichen Verhältnissen stammende schwarze Amerikaner einen beträchtlichen Teil der Armeen in den vielen Kriegen, die die USA in den letzten Jahrzehnten geführt haben, ausgemacht.
„Die Kolonialherrschaft endete auch, weil Versprechungen nicht eingehalten wurden“
Wie lange dauert es erfahrungsgemäß, bis Kriegserfahrungen im Bewusstsein einer Gesellschaft verblassen?
Die Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Das hängt natürlich immer davon ab, wie stark die Kriege oder das, was daraus resultierte, bis heute präsent ist. Nehmen wir Deutschland und Frankreich, die sich ja nun in zwei Weltkriegen sehr massiv bekämpft haben. Aber es hat dann doch nach ein, zwei Generationen so etwas wie eine Versöhnung stattgefunden. Es gab Eliten oder bestimmte Gruppen, die von einer Versöhnung sehr profitiert haben. Hier konnte man sich zudem relativ rasch auf einen neuen gemeinsamen Feind einigen, den Ostblock im Kalten Krieg. Man hatte gemeinsame wirtschaftliche Interessen und eine ganze Reihe von Programmen, wie Städtepartnerschaften, hat die Versöhnung „von unten“ gestärkt.
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