Die Kinderoper in Köln hat als eines der ersten Pilotprojekte Bühnengeschichte geschrieben. Jetzt bekommt sie im Zuge des Neubaus am Offenbachplatz ein eigenes Haus. Dass die Arbeit der verschiedenen künstlerischen Leiter in der Vergangenheit aber auch eine Jugendoper parallel entwickelte, also Musiktheater für die etwas größeren Kids, ist weniger bekannt. Jetzt steht wieder eine solche Produktion auf dem Terminplan: Philip Glass, ein Heroe der Minimal-Music, adaptierte das Buch „Les enfants terribles“ des französischen Autors Jean Cocteau, der diesen Roman 1929 während eines siebzehntägigen Drogenentzugs in einem ganz eigenen Rausch schuf. Zwanzig Jahre später verfilmte Jean-Pierre Melville den Stoff; Buch und Film wurden in den kommenden Jahrzehnten Kult. „Es ist eigentlich konzipiert als Tanzoper, bei der die Sänger in einer Art Orchestergraben standen“, erzählt Rainer Mühlbach, der musikalische Leiter der Kinderoper und aktuelle Betreuer und Dirigent dieser Unternehmung. In der Studiobühne Köln, einem der Interimsräume der Oper während der Umbauphase, ersetzen drei Klaviere das Orchester. Diese sind in weitem Abstand voneinander in das Bühnenbild integriert, welches in dieser ungetanzten Fassung von den vier Protagonisten bespielt wird. Das ganze Projekt entpuppt sich nun als pädagogisches Meisterstück auf verschiedenen Ebenen.
Zielpublikum sind junge Menschen ab 15 Jahren, deren Interesse für lebendiges Musiktheater und für live und handgemachte Musik geweckt werden soll. Die drei Klaviere werden gespielt von Studenten der Musikhochschule, für die das Werk von Philip Glass nicht nur konditionell hohe Anforderung stellt. Durch die Platzierung der Instrumente auf den Seiten und in der Tiefe wird auch musikalisch kommunikatives und hochkonzentriertes Musizieren verlangt. Mühlbach zu den Ergebnissen: „Es ist faszinierend, was an Raumklang entsteht, wenn nicht alle auf einem Haufen sitzen.“ Gesungen wiederum wird die Hauptrolle der Elisabeth von Erika Simons, einer Kandidatin aus dem Opernstudio, das ebenfalls von Mühlbach betreut wird. Hier starten junge Talente nach ihrem Studium ihre aktiven Bühnenkarrieren, bevor sie in feste Ensemble integriert werden – was in heutiger Zeit zwar immer seltener geschieht, aber die Chance ist da.
Nun reden wir hier über 90 Minuten Minimal-Music, dieser Musikstil, der seine Kraft aus der permanenten Wiederholung kurzer Einzelmotive zieht. Das ist nichts für Warmduscher. Realist Mühlbach: „Ich hatte zunächst auch Berührungsängste mit dieser Musik. Die Grammatik des Stückes löst da sehr viel auf. Und die jungen Menschen haben einen ganz anderen Zugang, das zeigten bisherige Projekte.“ Diese Produktion schwimmt auf der Fettblase städtisch finanzierter Kultur, das macht sie so wertvoll. Die wenigen Aufführungen steigern den Kurs. Hören wir zu, solange noch etwas tönt.
„Les enfants terribles“ | R: Anna Horn | 1.7. 11 Uhr, 3.7. 19.30 Uhr, 5.7. 21 Uhr | Studiobühne | www.operkoeln.com
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