Das Theater ist ein gemächliches Medium. Das zeigt nicht nur die Auseinanderset- zung mit der Frage der Migration, sondern auch mit dem Thema China, das auf den Bühnen bis heute noch nicht so recht angekommen ist. Mit zwei Ausnahmen. Vor zwei Jahren hat das Berliner Theater Hebbel am Ufer den „Umweg über China“ gesucht, nun folgt das Düsseldorfer Schauspielhaus mit seinem Festival „Neue Dramatik: China“. Auf der Suche nach internationalen Anknüpfungspunkten, erzählt Dramaturg Christoph Lepschy, sei das Team um Intendantin Amélie Niermeyer neben Japan und Israel schnell auf China gekommen. Wie sieht das chinesische Sprechtheater aus? Worüber schreiben Dramatiker? Mit Hilfe von Sinologen, dem Theaterinstitut in Shanghai oder Regisseurin Cao Kefei schälte sich langsam ein Bild heraus.
Bis Ende des 19. Jahrhundertes beherrschte in China ausschließlich die Peking- Oper das Feld, sagt Cao Kefei. Danach erst hielt das Sprechtheater im Stile Ibsens Einzug im Reich der Mitte, das jedoch immer stärker ideologisch funktionalisiert wurde. Den Beginn des zeitgenössischen Theaters datiert Cao Kefei auf die 1980er Jahre und den Autor Gao Xingjian, der in Düsseldorf sein neues Stück „Schnee im August“ in deutscher Übersetzung vorstellt. Autorengespräche sowie vier Lesungen mit Stücken junger Dramatiker ergänzen das Programm.
Im Zentrum des Festivals steht die Uraufführung des Stücks „In die Mitte des Himmels“ von Duo Duo, inszeniert von Cao Kefei. Das Auftragswerk des Schauspielhauses beschreibt eine Gruppe von Menschen, die in einem Flugzeug nach New York auf den sich immer wieder verzögernden Start wartet. Der 1951 geborene Duo Duo gehört zur sogenannten „verlorenen Generation“ und verließ 1989 das Land, um erst 2004 wieder zurückzukehren. Im Gespräch bekennt er offen seine Vorliebe für Autoren wie Beckett, Ionesco oder Pinter, was man seinem Stück unschwer anmerkt. Psychologie und Realismus sind ihm nicht wichtig – weshalb Cao Kefei versucht habe, so erzählt er lachend, ihm mehr soziale Erdung seiner Figuren abzuringen. Sein Stück will Duo Duo nicht auf China bezogen wissen: „Ob ich in Deutschland oder in Peking bin, die Menschen unterscheiden sich nicht mehr so sehr voneinander“. Die Besonderheit des Düsseldorfer Festivals liegt darin, dass es auf Nachhaltigkeit angelegt ist. So wird es zu einer Begegnung der chinesischen Autoren mit deutschen Kollegen wie Händl Klaus oder Katrin Röggla kommen, die dann im Herbst nach China reisen. Nicht zuletzt wird mit dem Festival endlich das neue Produktionszentrum „Central“ des Schauspielhauses in der früheren Paketpost am Hauptbahnhof eröffnet. Die Werkstätten im Nordteil des Gebäudes harren zwar noch der Fertigstellung, doch im Südtrakt sind die vier Probebühnen in Originalbühnenmaßen schon seit Anfang der Spielzeit in Betrieb. Einer der beiden kleineren Proberäume dient auch als Spielstätte, auf der die Lesungen stattfinden und Duo Duos Stück „In die Mitte des Himmels“ herauskommt.
Düsseldorfer Schauspielhaus: „Neue Dramatik: China“ I 12.-15. März Info und Karten: 0211 39 66 11 I www.duesseldorfer-schauspielhaus.de
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