„Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen“, sagt Silke Z. erbost. Das Tischtuch zwischen Freier Tanz-Szene und Kulturamt scheint zerschnitten. Zankapfel ist das Tanzhaus, oder sollte man besser sagen, das Vorspiel zur Idee für ein mögliches Tanzhaus. Auf der anderen Seite sagt auch Konrad Schmidt-Werthern, der Chef des Kulturamts: „Das ist nicht mehr zu kitten“. Die Stadt Köln hat eine Doppelhalle im Stadtteil Mülheim für den Ausbau zu einem künftigen Tanzhaus angemietet, bis der Bau begonnen werden kann, darf in den leeren Räumen schon einmal gespielt werden. Anja Kolacek und Marc Leßle erhielten den Auftrag, ein Sommerprogramm zu entwerfen. Dazu gab die Stadt 80.000 Euro und das Land noch einmal den gleichen Betrag. Viel Geld für ein Programm, in dem so gut wie keine namhafte Kölner Gruppe auftaucht.
Die Szene fühlt sich übergangen, sie fragt, warum wird das Geld vom Land bewilligt, wenn sie selbst dort gar nicht spielt? Dabei hatte das Land gefordert, dass Köln ein Tanzhaus bekommen soll, dessen Profil sich von den Häusern in Düsseldorf und Essen unterscheidet. Tatsächlich leben ja 40 Prozent aller Tanzschaffenden Nordrhein-Westfalens in der Domstadt, schon die Eigengewächse geben eine besondere Farbe, hinzu müssten starke Truppen aus Deutschland und dem Ausland kommen, die das Haus attraktiv machten. Die Empörung ist so groß, dass sich erstmals alle prominenten Namen einig sind. Mit einem Konstrukt ohne Profil wollen weder Stefanie Thiersch, noch das Moving Theatre oder Barnes Crossing etwas zu tun haben.
Zwei unterschiedliche Ansätze stehen sich gegenüber, während Anja Kolacek auf viele kleine Schritte setzt, um Realitäten zu schaffen, sagt die Szene, jetzt ist es soweit, jetzt muss das Haus mit einem Profil zugeschnitten werden. Erstaunlich bleibt die Zurückhaltung des Kulturamts, das die Richtung vorgeben müsste.
So richtig pikant wird die Situation im Herbst, wenn der Rat endgültig darüber entscheidet, ob Köln nun ein Tanzhaus bekommen soll oder nicht. Mit den von der Politik oftmals zur Schau gestellten Krokodilstränen über die Tatsache, dass der Tanz seit 20 Jahren immer hinten herunterfällt, wenn es darum geht, den Kuchen der Fördergelder zu verteilen, ist es dann nicht mehr getan. Die Zahlen müssen auf den Tisch, denn das Haus besitzt Qualitäten, und sogar die abgelegene Lage in Mülheim wäre in den Griff zu bekommen. Ob jedoch das knackende Dach hergerichtet werden kann, und welche Summen Heizung und Technik verschlingen werden, das muss sich noch zeigen. Vor allem wird es darum gehen, ob das Haus nur eine Versammlungsstätte mit Schwingboden ist, oder ob es künstlerische Akzente setzen soll, und nur wenn diese Bedingung erfüllt ist, will das Land seine Geldscheine anreichen. Zudem endet das Interim im Juli, um den Ratsmitgliedern aber fröhlich vor Augen zu halten, dass in Mülheim ein wichtiger Impuls für Kölns Kulturlandschaft wartet, müsste es ein zweites Interim bis Oktober geben. Und da kann man sich nun schon einmal darüber streiten, wie das aussehen mag.
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