Während die drei großen Festivals in Berlin, Cannes und Venedig ein großes mediales Spektakel veranstalten und Filmstars aus aller Welt auf roten Teppichen versammeln, sind es doch meistens keine wirklich publikumswirksamen Großproduktionen, die dort ausgezeichnet werden. Das ist in Anbetracht einer meistens auch aus prominenten Filmkünstlern besetzten Jury nicht anders zu erwarten. Preisträger, die mit Bären, Palmen und Löwen in Gold ausgezeichnet werden, haben in der Regel anspruchsvolle, politische, sozialkritische und künstlerisch ambitionierte Werke, aber keine Blockbuster hergestellt.
Anderes sagt man der Preisverleihung in Hollywood nach, die die Academy Awards vulgo Oscars mit einer noch viel größeren weltweiten Aufmerksamkeit verleihen. Die Jury wird hier nicht von einem Festivalleiter ernannt, sondern rekrutiert sich aus den Preisträgern der Vergangenheit. Hier bewerten also die jeweiligen Fachleute die Kollegen der aktuell nominierten Filme. Gemeinhin gilt, dass im Gegensatz zu den europäischen Festivals hier im Herzen der Filmwelt regelmäßig die Großproduktionen der Studios ausgezeichnet werden und auch eine kommerzielle Qualität eine Beurteilungsgröße darstellt. Da alle nominierten Filme zumindest in Amerika ihre Kinoauswertung absolviert hatten, kann diese Größe auch gut herangezogen werden. Die europäischen Festivals laden ohnehin nur Filme ein, die noch nirgendwo zu sehen waren.
Insgesamt trügt jedoch der Eindruck, die Oscars gingen nur an kommerzielle Filme. Denn schaut man sich lediglich die mit dem Spitzenpreis ausgezeichneten Filme des jeweiligen Jahres an, sind viele dabei, die bei uns nur bescheidene Besucherzahlen erreichten.
|
Besucher in Deutschland für Filme mit dem Oscar „Bester Film“ |
1975-1984 |
11,7 Mio. |
1985-1994 |
34,2 Mio. |
1995-2004 |
48,5 Mio. |
2005-2014 |
8,2 Mio. |
Quelle: FFA, eigene Berechnungen
In den letzten zehn Jahren haben die besten Filme in Deutschland zusammen gerade mal 8,2 Millionen Besucher erzielt. Das Episodendrama „L.A. Crash“ (2006) erreichte rund 260.000 Besucher, das Kriegsdrama „The Hurt Locker“ (2010) 60.000, die Agentengeschichte „Argo“ (2013) 200.000 und die Ode an den Stummfilm „The Artist“ (2012) kam auf 700.000. In dieser Hinsicht war der Zeitraum von 1995-2004 am erfolgreichsten, allein „Titanic“ kam auf 18 Millionen Besucher. In dieser Dekade wurden aber auch die Blockbuster „Gladiator“, „Schindlers Liste“, „Forrest Gump“ und ein „Herr der Ringe“-Teil als bester Film ausgezeichnet. In den letzten 30 Jahren gab es insgesamt sieben Filme, die es in Deutschland jeweils in die Jahres-Top-3 geschafft haben und 19, die eine Platzierung jenseits der Top 30 belegten. Und gerade waren es solche Filme, die auch besondere künstlerische Qualitäten aufwiesen. „Birdman“ ist aktuell ein gutes Beispiel hierfür, ähnlich wie „12 Years a Slave“, „Departed“ und die oben zuerst genannten Filme. Besonders schön sind dann die Auszeichnungen, die Kunst und Kommerz miteinander verbinden wie „Der Pate“, „Gandhi“, „Amadeus“, „Der letzte Kaiser“, „Der englische Patient“ und „American Beauty“.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Der Titel macht den Film
Fördert die Diversifikation der Programme eine neue Originalität? – Verleih 11/15
Stars von unten
Youtuber kommen ins Kino – Filmwirtschaft 06/15
Frankreichs Kino kämpft um die Jugend
Eine außergewöhnliche Maßnahme zur Besuchersteigerung – Filmwirtschaft 05/15
Blick hinter eine Marke
Die wechselvolle Geschichte des Tobis-Filmverleihs – Filmwirtschaft 07/14
Lola oder der Deutsche Filmpreis
Qualität und Publikumserfolg müssen sich nicht ausschließen – Filmwirtschaft 06/14
Eine Erfolgsgeschichte um Bernd Eichinger
Das Auf und Ab von Constantin-Film – Filmwirtschaft 09/13
Vielfalt oder Verstopfung?
Entwicklung des deutschen Filmmarkts – Filmwirtschaft 06/13
Weltweites Kinowachstum
Aktuelle Statistiken zur Kinoentwicklung – Filmwirtschaft 05/13
Sinkende Budgets allüberall
Produzentenstudie 2012 – Filmwirtschaft 04/13
Hilft die Quote?
Besuchsstudie zum vergangenen Kinojahr – Filmwirtschaft 03/13
Der Filmfrühling ist angebrochen
Die erste Jahreshälfte startet mit bedeutenden Filmfestivals – Vorspann 04/25
Filmischer Feminismus
Das IFFF 2025 in Köln – Festival 04/25
Über die Todesangst
„Sterben ohne Gott“ im Filmhaus – Foyer 03/25
Alles für die Musik
Publikumspremiere von „Köln 75“ im Cinenova – Foyer 03/25
Schlechte Zeiten?
Merz im März und ernste Kost im Kino – Vorspann 03/25
Mit Trauer umgehen
„Poison – Eine Liebesgeschichte“ im Odeon – Foyer 02/25
Gute Zeiten
Wie lang darf ein Film sein? – Vorspann 02/25
Bittersüße Dystopie
„Ein schöner Ort“ in der Aula der KHM – Foyer 01/25
Zeit-Fragen
Symposium der dokumentarfilminitiative im Filmhaus – Foyer 01/25
Parthenope
Start: 10.4.2025
Ernest Cole: Lost and Found
Start: 17.4.2025
Oslo Stories: Liebe
Start: 17.4.2025
Quiet Life
Start: 24.4.2025
Toxic
Start: 24.4.2025
Volveréis – Ein fast klassischer Liebesfilm
Start: 1.5.2025