Wie geht die Wahl aus? Wenn Sie das lesen, haben wir einen neuen Kanzler. Wahrscheinlich Friedrich Merz. Für mich kein Grund zur Freude, anders als der März, der den Frühling einläutet. „Kein Merz im März“, las ich gestern auf einem Demo-Plakat. Und: „Alice zurück ins Wunderland“. Sprüche, die hoffen lassen, dass wir doch die Demokratie retten. Dann kann ich mich richtig auf erste Blüten und Vogelgezwitscher freuen. Denn wirtschafts-, klima- und innenpolitisch sieht es im Moment nicht rosig aus. Ich mache mir sogar Gedanken über meine Remigration. Die ernste Lage spiegelt sich auch in den Kinostarts wider – überwiegend Dramen, Thriller und Dokumentationen. Leichte Kost kann man an einer Hand abzählen.
Selbst ein Titel, der Comedy suggeriert, wie „Funny Birds“, handelt von schweren Themen wie Krankheit, Kindheitstraumata und Familiengeheimnissen. Auch der Trickfilm „Das kostbarste aller Güter“ behandelt schwere Kost: den Holocaust. Den Rechten die Stirn bieten, das tat Dietrich Bonhoeffer. Jonas Dassler spielt in „Bonhoeffer“ den Theologen, der sich der Nazi-Ideologie widersetzte. Auf wahren Begebenheiten basiert auch „Die Schattenjäger“, ein Thriller über syrische Geflüchtete, die ihren ehemaligen Peiniger suchen. Aus Syrien geflüchtet ist auch die Heldin in Tom Tykwers fast 3-stündigem Berlinale-Eröffnungsfilm „Das Licht“. Klingt hell, erzählt wird aber von einer dysfunktionalen Familie und gefühlt allem, was in Deutschland derzeit schiefläuft. Die Romanverfilmung „Für immer hier“ zeigt, wie es sich in einem zunehmend autokratischen Staat lebt, in dem Menschen verschwinden und das Recht nichts mehr zählt. Entrechtet fühlen sich auch die Figuren in „Les Indésirables“. Ladj Ly greift ein Thema auf, das den ganzen Wahlkampf dominierte: Migration und die Folgen.
Möge es nicht enden wie in „The End“. Dokufilmer Joshua Oppenheimer zeichnet in diesem schrägen Musical ein apokalyptisches Zukunftsbild, in dem ein kapitalistischer Lebenswandel die Menschheit ausgelöscht hat, eine reiche Familie jedoch in ihrem prunkvollen Klimabunker weiter in Luxus lebt. Zu diesen düsteren Fiktionen gesellen sich Dokus, die vor Augen führen, was in der Welt wirklich passiert. „Patrol“ zeigt die üblen Praktiken der Fleischindustrie auf, „Malqueridas“ berichtet über Frauen in einem Gefängnis in Chile und „Der Code“ schildert KZ-Erinnerungen des geheimnisvollen Autors Ka-Tzetnik.
Doch Geschichten nach realen Ereignissen können auch Mut machen, wie „Ein Tag ohne Frauen“, der einen Blick auf den 24.10.1975 wirft, an dem 90% der Frauen in Island für ihre Rechte demonstrierten und so tatsächlich einen politischen Wandel bewirkten.
Statt sich in schwierigen Zeiten zu verkriechen, sollten wir viel öfter aufstehen und einstehen für Demokratie und Zusammenhalt. Und ins Kino gehen, um andere Perspektiven zu erleben. Bevor ich nun hoffnungsvoll diese Zeilen beende, noch mein Tipp im März: „Hans Zimmer and Friends“. Für über 100 Filme hat er die Musik geschrieben. Hier spielt er mit einem Top-Orchester Meisterwerke aus seiner Feder und lässt vier Jahrzehnte Filmgeschichte wieder auferstehen.
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