In einer wissenschaftlichen Arbeit für die LMU München untersuchte die Diplom-Kauffrau Ursula Lindemeir vor ein paar Jahren „Wirkung und Einfluss von Filmtiteln auf den Erfolg des Films“. Lindemeir stellte fest, dass Spielfilmtitel für den Kinomarkt „besonders dann relevant sind, wenn nur wenig weitere Informationen über den Film vorhanden sind“ und Inhalt oder Schauspieler nicht als entscheidendes Verkaufsargument fungieren. Mittlerweile kämpfen nicht nur die Kinos mit immer mehr Filmen und deren Bewerbung. Während Sie diese Zeilen lesen, werden allein in Deutschland zweihundert Clips, E-Books und Filme veröffentlicht, die alle eins wollen: Aufmerksamkeit beziehungsweise Kunden. Das System der Bewerbung ist dabei on- und offline gleich: Neben einem Bild steht ein Titel, eventuell noch eine Satz oder eine Schlagzeile, fertig. Binnen weniger Sekunden entscheidet der Betrachter, ob er am Produkt interessiert ist, Zusatzinformationen oder einen Trailer sehen will – oder eben nicht.
Seit der Digitalisierung können die Kinos viele verschiedene Filme anbieten. Der sogenannte „Filmtitelanzeiger“, den viele Traditionshäuser noch über ihrem Eingang haben, reicht kaum mehr aus, um sämtliche Schienen- und Sonderprogramme zu nennen. Gleichzeitig bieten auch Schaufenster und Programmübersichten nur bedingt Platz, um umfassend alle Filme der Woche darzustellen. Im Oktober veröffentlichte die FFA eine GfK-Studie zu den jüngeren, 14- bis 39-jährigen Kinobesuchern, die seit Jahren weniger Kinotickets lösen. Das ernüchternde Ergebnis: 59 Prozent der 14- bis 19-Jährigen fühlen sich über das aktuelle Kinoprogramm wenig oder gar nicht informiert. Stand früher auch mal die Idee des Kinobesuchs vor der Wahl eines konkreten Films, ist es heute zunehmend umgekehrt: Der Filmauswahl, also der abgeschlossenen Informationsarbeit inklusive Abstimmung mit Freunden oder Familie, folgt der Kinobesuch.
Um die Informationsarbeit des Publikums überhaupt anzustoßen, müssen Produzenten und Verleiher neben Schlüsselbildern und überraschenden Inhalten also vor allem erfolgsversprechende Titel finden, die auch die kleinste Auflistung überstehen und zum Schmunzeln, Träumen oder Nachdenken anregen. Das Problem: Einerseits müssen Kinofilme am ersten Wochenende funktionieren, andererseits verlängert sich ihre Auswertung allein durchs Internet ins unendliche. Müssen Titel also zuallererst kurzfristig im Kino, sprich im Kontext aktueller Trends, oder langfristig auf allen Kanälen, quasi zeitlos, funktionieren? Einige Arthouse-Verleiher setzen bereits auf die langfristige Auswertung im Home-Entertainment-Bereich, während die Hollywood-Majors ihr Geld schnell mit Fortsetzungen oder Adaptionen verdienen wollen, deren Titel bereits auf anderen Kanälen erprobt und multipliziert wurden.
Dass ein Titel „typisch Kino“ ist, kommt immer mal wieder vor, vor allem wenn er beschreibend arbeitet oder bestimmte Typen und Milieus charakterisierend. Der Großteil der Filmnamen folgt jedoch lediglich Büchern, Fernsehserien und Videospielen. Die Kreation eines originellen, außergewöhnlichen Filmtitels kann also nur bei einem ebenso originellen Originalstoff gelingen. Vielleicht braucht es in den Verleih- und Produktionsetagen nach pfiffigen Drehbuchautoren dann auch wieder… Poeten.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.
Stars von unten
Youtuber kommen ins Kino – Filmwirtschaft 06/15
Frankreichs Kino kämpft um die Jugend
Eine außergewöhnliche Maßnahme zur Besuchersteigerung – Filmwirtschaft 05/15
Kunst oder Kommerz
Über Oscars und Kinokassen – Filmwirtschaft 04/15
Blick hinter eine Marke
Die wechselvolle Geschichte des Tobis-Filmverleihs – Filmwirtschaft 07/14
Lola oder der Deutsche Filmpreis
Qualität und Publikumserfolg müssen sich nicht ausschließen – Filmwirtschaft 06/14
Eine Erfolgsgeschichte um Bernd Eichinger
Das Auf und Ab von Constantin-Film – Filmwirtschaft 09/13
Vielfalt oder Verstopfung?
Entwicklung des deutschen Filmmarkts – Filmwirtschaft 06/13
Weltweites Kinowachstum
Aktuelle Statistiken zur Kinoentwicklung – Filmwirtschaft 05/13
Sinkende Budgets allüberall
Produzentenstudie 2012 – Filmwirtschaft 04/13
Hilft die Quote?
Besuchsstudie zum vergangenen Kinojahr – Filmwirtschaft 03/13
Der Filmfrühling ist angebrochen
Die erste Jahreshälfte startet mit bedeutenden Filmfestivals – Vorspann 04/25
Filmischer Feminismus
Das IFFF 2025 in Köln – Festival 04/25
Über die Todesangst
„Sterben ohne Gott“ im Filmhaus – Foyer 03/25
Alles für die Musik
Publikumspremiere von „Köln 75“ im Cinenova – Foyer 03/25
Schlechte Zeiten?
Merz im März und ernste Kost im Kino – Vorspann 03/25
Mit Trauer umgehen
„Poison – Eine Liebesgeschichte“ im Odeon – Foyer 02/25
Gute Zeiten
Wie lang darf ein Film sein? – Vorspann 02/25
Bittersüße Dystopie
„Ein schöner Ort“ in der Aula der KHM – Foyer 01/25
Zeit-Fragen
Symposium der dokumentarfilminitiative im Filmhaus – Foyer 01/25
Parthenope
Start: 10.4.2025
Ernest Cole: Lost and Found
Start: 17.4.2025
Oslo Stories: Liebe
Start: 17.4.2025
Quiet Life
Start: 24.4.2025
Toxic
Start: 24.4.2025
Volveréis – Ein fast klassischer Liebesfilm
Start: 1.5.2025