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Stefanie Hasse, C.E. Bernard und Theresa Hannig
Foto: Fabienne Siegmund, PAN

Vom Erschaffen von Welten

06. Mai 2019

Die 1. Phantastische Lesenacht – Literatur 05/19

Elfen, Magie und Weltenflucht – mit Klischees wird die Phantastik häufig verbunden, also das Literaturgenre, das unmögliche Sachverhalte in seinen fantastischen Welten zu Tatsachen macht. Zeigen, dass Phantastik aber viel mehr ist als die üblichen Vorurteile, das wollen die Mitglieder des Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) im Allgemeinen und im Besonderen mit ihrer 1. Phantastischen Lesenacht, die am 25. April stattfand.

„Es heißt immer noch: Phantasten, das sind doch diese Eskapisten, die Weltenflucht betreiben“, erklärt Fabienne Siegmund, dritte Vorstandvorsitzende und Schatzmeisterin des Vereins. „PAN ist auch gegründet worden, um das voranzubringen. Wir sind eben nicht die verstrahlten Eskapisten, wir sind Weltenschaffer und denken auch scharf über politische Weltbilder nach.“

Mit der Lesenacht wollen sie „einen Abriss durch die ganze Phantastik mit aktuellen Autoren und Autorinnen“ darstellen, so Siegmund. Es werden verschiedene Subgenres vorgestellt, wie unter anderem High Fantasy und Social Science Fiction.


Die Autorinnen und Autoren auf der 1. Phantastischen Lesenacht
Foto: Fabienne Siegmund, PAN

„Ich finde es schade, dass nicht jeder Leser eine Parallele zur Realität herstellen kann, denn es sind ja nur Fantasy-Geschichten“, sagt Bernhard Hennen (*1966), der in seine Romane viele realhistorische Elemente einbaut und auch Erfahrungen aus Reisen verwendet. „Ich versuche, mir durch Reisen neue Welten zu erschließen, und das in mein Buch einfließen zu lassen – und sei es, dass man Suppe mit Stäbchen essen kann, wenn nur genug Nudeln darin sind.“

Hennen sowie Heike Knauber (*1967) lesen an dem Abend aus ihren High-Fantasy-Werken. High Fantasy zeichnet sich dadurch aus, dass eine in sich geschlossene Welt mit einer eigenen gesellschaftlichen Ordnung und Regeln geschaffen wird. Das prominenteste Beispiel für das Subgenre ist J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Saga. Obwohl die Geschichten in einer ganz neuen Welt spielen, können sie laut Hennen trotzdem verschiedene, von der Realität inspirierte Lebensweisen darstellen, zum Beispiel durch Fabelwesen wie Elfen und Trolle. Zudem beziehen sie sich häufig auf reale Ereignisse. Hennen liest einen Abschnitt aus seinen „Chroniken von Azuhr“ (Fischer, 2017) vor: Ein Priester hält darin eine Rede, die mit den Worten beginnt: „Ich habe einen Traum.“ Die geschichtliche Vorlage ist eindeutig.


Heike Knauber, Autorin von „Najaden – Das Siegel des Meeres“
Foto: Michael Detzen

Autorin Heike Knauber findet, dass das Subgenre High Fantasy noch immer sehr männerdominiert sei, und somit sei es für sie schwieriger Leser zu gewinnen. Ihre Erfahrungen hat sie in „Najaden – Das Siegel des Meeres“ (Blanvalet, 2018) auch aufgegriffen und eine Frau in einer archaischen Welt zum Thema gemacht, die darüber hinaus auch eine Art Siegel ist, das es zu zerstören gilt. An dem Leseabend sind mehr weibliche als männliche Autoren der Phantastik vertreten. Das spiegelt auch eine Tendenz in der Phantastik wieder – so jedenfalls C.E. Bernard (*1990), Autorin der Palace-Saga (Penhaligon Verlag), die beschreibt, dass gerade immer mehr Frauen phantastische Romane schreiben, erfolgreich werden und so auch das Genre verändern würden. Damit „Geschichten nicht immer aus der Perspektive von mittelalten, mittelgebildeten, weißen Männern“ erzählt werden, führt Science-Fiction-Autorin Theresa Hannig (*1984) weiter aus.

Bernard und Hannig schreiben in der Kategorie Romance & Social Fantasy. „Es müssen ja nicht immer Elfen oder Feen oder Roboter oder Raumschiffe sein. Wenn wir von Anfang an sagen, wir sind Phantastik-Autorinnen, dann können wir tun und lassen, was wir wollen“, sagt Hannig. Sie schreibt in „Die Optimierer“ (Bastei Lübbe, 2017) über eine dystopische Welt, in der das Leben der Menschen bis ins kleinste Detail kontrolliert und optimiert wird. Hannig: „Die Frage ist halt: Wenn denn alle Wünsche, die wir haben, erfüllt und wir optimiert sind, sind wir dann wirklich glücklich? Ich glaube eher nicht. Viel Glück besteht ja auch im Streben nach Glück und nicht in der Erfüllung der Wünsche.“

Sie alle fasziniert an dem Genre, die Freiheit und den großen Spielraum, den man hat, auch um eine gesellschaftliche Komponente miteinzubringen. Bernard: „Dadurch dass du etwas ins Phantastische drehst, kannst du Parallelen in unserer Gesellschaft zeigen, ohne explizit zu sagen: ich rede genau darüber. Das finde ich ein unheimlich starkes Werkzeug.“ In ihrer Palace-Quadrologie spricht sie zum Beispiel über die Verfolgung von Minderheiten, ohne das zum Hauptthema ihres Romans zu machen.

Fabienne Siegmund, Teil des Vorstands von PAN, drückt es so aus: „Ich vergleiche das immer gerne mit dem Narren aus dem Mittelalter. Er hat ja immer dem König den Spiegel vorgehalten und durfte frei sprechen, während jeder andere geköpft worden wäre. Die Phantastik kann das im Prinzip auch.“

Katja Egler

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