Iris ist gerade einmal 15, als sie merkt, dass sie schwanger ist. Trotz ihres jungen Alters und gegen den Willen ihrer Eltern, weiß sie, dass sie das Kind bekommen möchte und eine Abtreibung keine Option für sie ist. Auch wenn sie mit gesellschaftlicher Ablehnung konfrontiert ist, ihre katholische Schule sie ausschließt, die Freunde verliert und als Versagerin abgestempelt wird, bekommt sie ihre Tochter Melody. Doch sie merkt mit der Geburt: Sie hat sich zwar für die Schwangerschaft entschieden, aber nicht für Mutterschaft. Iris ist nicht bereit ihren Traum vom Studium für das Kind aufzugeben.
Aus dieser Situation heraus erzählt Jacqueline Woodson in „Alles glänzt“ (Piper, 208 S., 22 €) die Geschichte von Iris‘ Familie: Ihrer Eltern, der Tochter Melody und ihrem Vater Aubrey, die alle zusammenwohnen, während Iris nach Oberlin zum Studieren gezogen ist. Woodson erzählt die Zeit zwischen der Schwangerschaft und der Gegenwart, sechzehn Jahre später, nicht chronologisch, wechselt zwischen verschiedenen Momenten und den Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder und kreiert so einen dynamischen Erzählfluss, der verdeutlicht, dass es weniger um das Erzählen der eigentlichen Geschichte geht, als um das Verstehen der Perspektiven. Denn jede Figur hat ihren Schmerz, ihre Wünsche und auch Traumata – aus rassistischen Anschlägen auf ihre schwarzen Vorfahren, die die Figuren in sich eingeschrieben spüren.
Unerfüllte Wünsche werden im Besonderen in der Beziehung zwischen Aubrey und Iris deutlich: Aubrey, der sich gerne für das Aufziehen seiner Tochter entschieden hat und immer mit Iris zusammen sein wollte, während sie sich mit 15 vor allem ausprobieren wollte. Eine Gemengelage, die mit der Zeit zu einer tiefen Kluft zwischen die beiden führte. Und trotz aller Enttäuschungen regt die Lektüre weniger zum Bewerten der Handlungen an – insbesondere der von Iris – sondern macht ein Mitfühlen und Verstehen möglich.
In Woodsons Roman steckt viel Schmerz, aber auch viel Liebe. Trotz der relativ kurzen Lesedauer lernt man die Figuren kennen und fühlt mit ihnen. Sie schreibt auf poetische Weise, benutzt vor allem kurze, prägnante Sätze, nutzt eher weniger Worte zum Erzählen. So scheint kaum ein Wort zufällig gewählt. Jeder Ausdruck wirkt vieldeutig, jedem Bild wird dadurch eine Stärke verliehen. Am Ende bleibt vor allem Zusammenhalt und Verzeihen.
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