Die Stadt der Blinden
JAP/BRA/CDN 2008, Laufzeit: 103 Min., FSK 12
Regie: Fernando Meirelles
Darsteller: Julianne Moore, Mark Ruffalo, Gael García Bernal, Alice Braga, Yusuke Iseya, Yoshino Kimura, Don McKellar, Danny Glover
Urplötzlich erblindet ein Mann auf offener Straße. Epidemiegleich ereilt alle dasselbe Schicksal, die mit ihm in Berührung gekommen sind. Die Erblindeten werden in einer ausrangierten Irrenanstalt einquartiert und ihrem Schicksal überlassen.
Auf die Grundkonstellation des Films muss man sich zunächst einmal einlassen: Die Opfer der Epidemie werden abgeschoben, isoliert zusammengepfercht und ihrem Schicksal überlassen, anstatt dass sich Ärzte um eine Ursachenforschung bemühen oder sich zumindest Krankenschwestern in Schutzanzügen um die Patienten kümmern. Doch diese Konstruiertheit ist schon in der Romanvorlage des Literaturnobelpreisträgers José Saramago vorgegeben, und ohne sie würde die gesamte Studienanordnung natürlich nicht funktionieren. Deswegen sollte man schon im ersten Drittel des Films seine Bedenken über die Ausgangskonstellation vom Tisch wischen und sich auf das Folgende einlassen. Sowohl im Roman als auch in der Umsetzung durch den in seinen Filmen stets auf sozialen Sprengstoff setzenden Regisseur Fernando Meirelles („City of God“, „Der ewige Gärtner“) geht es um die Abgründe des Menschen, die in Extremsituationen entsprechend überspitzt zu Tage treten. Gleich zu Beginn bietet sich im Berufsverkehr ein Mann an, der den plötzlich Erblindeten in seinem Fahrzeug zurück in seine Wohnung fahren will. Die Hilfsbereitschaft hat natürlich einen Haken und so landet das erste Blindenopfer zwar wieder wohlbehalten in seinem Appartement, muss aber den Verlust seines Autos beklagen. Im gleichen Stil geht es dann weiter, sobald sich die Gruppe der Infizierten in ihrem geschlossenen Reich wieder findet. Zwar teilen sie alle das gleiche Schicksal (dass Julianne Moore als Einzige gegen die Krankheit immun zu sein scheint, bleibt lange Zeit das Geheimnis zwischen ihr und ihrem Filmehemann Mark Ruffalo), aber trotzdem bilden sich innerhalb kürzester Zeit Hierarchien im Ghetto aus, die von einigen Unbelehrbaren schamlos ausgenutzt werden. Bald schon gilt das Gesetz des Stärkeren, wenn es um die Verteilung der täglichen Essensrationen geht. Gael García Bernal ist hier erfreulich kess gegen sein „netter Junge von Nebenan“-Image besetzt und darf in einer herrlich fiesen Rolle mal das andere Extrem bedienen.
Man sollte nicht den Fehler begehen, „Die Stadt der Blinden“ auf eine Stufe mit anderen Endzeitfilmen zu stellen, die derzeit im Kino wieder boomen. Genau wie seine Vorlage ist der Film viel eher eine symbolische Versuchsanordnung, die auf gleichermaßen poetische wie schonungslose Weise versucht, die niederen Triebe des Menschen zu entlarven. Spannungselemente werden deswegen nur spärlich eingesetzt und auch aus dem Genre bekannte Bilder von heruntergekommenen und menschenverlassenen Städten sieht man nur selten, da sich die ganze Dramatik im Mikrokosmos der isolierten Gruppe entfaltet.
(Frank Brenner)
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