Giulias Verschwinden
CH 2009, Laufzeit: 87 Min., FSK 6
Regie: Christoph Schaub
Darsteller: Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles, Teresa Harder, Max Herbrechter, Daniel Rohr, Christine Schorn, Renate Becker, Babett Arens
Der 50ste Geburtstag von Giulia bietet ihrem Freundeskreis reichlich Gelegenheit, sich über das Alter auszulassen. Und das ist nicht nur schmerzvoll.
Momentan scheint der deutschsprachige Film Gefallen daran zu finden, sich mit dem Thema Alter auseinanderzusetzen. Nachdem Andreas Dresen (46) mit „Wolke 9“ sehr ungefiltert ernste Töne angeschlagen hat und Leander Haußmann (50) mit „Dinosaurier – Gegen uns seht ihr alt aus“ eine eher slapstickbetonte Komödie vorgelegt hatte, nähert sich nun der Schweizer Regisseur Christoph Schaub (51) der Materie vergleichsweise galant statt über den geplatzten Urinbeutel wie Haußmann. Nur einmal wird es turbulent in diesem Ensemblestück, ansonsten setzt Schaub die Pointen bevorzugt mit dem Dialog.
In einem Restaurant warten mehrere Freunde auf Giulia (Corinna Harfouch), die dort ihren fünfzigsten Geburtstag feiern möchte. Giulia sitzt derweil noch verträumt in der U-Bahn und verliert sich in ihrem Spiegelbild – bis dieses plötzlich verschwindet: „Uns sieht man nicht mehr, uns Alte. Wir sind unsichtbar“, schmunzelt eine ältere Dame dazu, und Giulia verschwindet in der Nacht. Ihre Gäste vertreiben sich das Warten mit Wein und Gesprächen, die sich um das Alter drehen. Eigentlich kreisen nahezu alle Dialoge in diesem Film um das Alter. Um gefühltes Alter oder um die Alterslosigkeit. Ein etwas aufgesetzter dramaturgischer Zug, mit dem man sich schnell arrangieren sollte. Denn was die Fifty-Somethings vom Stapel lassen, ist durchweg amüsant und oft entlarvend geläufig. Giulia wankt unentschlossen durch die abendliche Großstadt und begegnet schließlich dem charmanten Anlageberater John (Bruno Ganz). Ein Charmeur alter Schule, der Giulia nicht nur umgarnt, sondern ihr darüber hinaus einen Lebensentwurf ausbreitet, der die Sorge um das Alter vergessen lässt. Oder sie zumindest ignoriert.
Schaub serviert einen ironischen Streifzug durch den medial gelenkten Frust der gealterten, zivilisierten Gesellschaft und inszeniert mehr als einmal Momente und Gedanken, die man von sich selbst oder von älteren Mitmenschen nur allzu gut kennt. Frech und mit dem beschwingten Tempo eines langsamen Walzers umkreist er seine Protagonisten zwischen Altersfrust und Jugendwahn, denunziert Männer vorm Spiegel ebenso wie künstlich verjüngte Damen. Als Gegenpol setzt der Regisseur seinen reifen Protagonisten ein naives Girlie entgegen, das mit seiner Freundin beim Stehlen erwischt wird und dessen Eltern sich vergeblich bemühen, jugendlich zu wirken. Erwachsene sind uncool, erfahren wir. Und das nicht erst mit 50. Das wirkt doch etwas zu aufgesetzt und ist dann vielleicht die eine Episode zu viel in diesem ansonsten so unbeschwert inszenierten Altersreigen. Doch es bleibt dabei: Wer sich mit diesem Themenabend arrangiert, wird viel schmunzeln über Vergesslichkeit, Beinkrämpfe beim Sex oder die Überpünktlichkeit im Alter. Und vielleicht auch über sich selbst.
(Hartmut Ernst)
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