Guilty of Romance
Japan 2011, Laufzeit: 144 Min., FSK 18
Regie: Sion Sono
Darsteller: Megumi Kagurazaka, Miki Mizuno, Makoto Togashi, Kanji Tsuda, Ryô Iwamatsu, Cynthia Cheston
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Explosiver Genremix
Vitale Vielheit
„Guilty of Romance“ von Sion Sono
Die Polizistin Kazuko wird an einen Tatort gerufen: Sie muss einen bestialischen Mord aufklären. Rückblende: Izumi wirkt auf den ersten Blick wie eine schüchterne Hausangestellte. Morgens stehen die Hausschuhe für den erfolgreichen Schriftsteller an ihrem Platz, abends werden sie zentimetergenau umgedreht, so dass der Herr direkt hineinschlüpfen kann. „Gut positioniert“, lobt er, und sie freut sich über seine Worte. Doch Izumi ist kein Dienstmädchen, der Schriftsteller ist ihr Mann. Wenn er außer Haus ist, langweilt sie sich in ihrem goldenen Käfig. Eines Tages entschließt sie sich, einen Job als Verkäuferin in einem Supermarkt anzunehmen. Doch das laute, selbstbewusste Anpreisen der Waren fällt der zurückhaltenden Izumi schwer. Als sie von einer Kundin zu einem Fotoshooting überredet wird, ist sie zunächst zögerlich. Und als sich dieses Shooting schon bald als Pornodreh herausstellt, schreckt sie verängstigt zurück. Aber sie spürt auch etwas Befreiendes an ihrer neuen Tätigkeit. Sie wird offensiver, auch auf der Straße. Dort macht sie Bekanntschaft mit einem jungen Kerl, der sich bald als Zuhälter herausstellt. Über ihn trifft sie auf die etwas ältere Mitsuko. Sie ist Dozentin an der Universität, doch nachts gibt sie sich der Prostitution hin. Durch sie lässt sich Izumi immer weiter auf sexuelle Abenteuer ein, wird immer selbstbewusster und auch selbstbestimmter. Doch die Verwicklungen hinter all den Ereignissen übersteigen ihre Vorstellungskraft bei Weitem.
Ausbrüche
„Guilty of Romance“ – das sei an dieser Stelle ganz klar gesagt – geizt nicht mit der Darstellung von Sex und Gewalt. Aber Sion Sono versteht sich als feministischer Filmemacher. Das sollte man wissen, bevor man hinter all dem gewöhnliche Männerphantasien vermutet. Das kann man dann natürlich immer noch argwöhnen, nur wird es der Komplexität von Sonos Filmen nicht gerecht. Komplex sind einerseits seine Geschichten. Hier sind es drei Frauen, deren Wege sich verschlungen kreuzen, und die sie auf eine emotionale Achterbahn führen. Inhaltlich dockt der an das in Japan verbreitete Thema der Sublimierung gesellschaftlicher Zwänge durch Grenzüberschreitungan. Die japanische Kultur ist gekennzeichnet von sexuellen und aggressiven Ausbrüchen, vor allem im Manga und Film. Zwar gibt es das Thema auch in der westlichen Popkultur – Filme wie „Belle de Jour“ von Luis Buñuel sind thematisch durchaus mit „Guilty of Romance“ vergleichbar. Das Pink Eiga-Genre – so werden die kunstvollen Erotikfilme im japanischen Kino genannt – hat jedoch einen festen Platz in der Filmproduktion des Landes, der nicht vergleichbar ist mit dem Schmuddelimage pornografischer Filme in der westlichen Welt. Auch Manga mit explizit erotischen und sexuellen Themen sind allgegenwärtig in Japan. Davon ist auch Sion Sono geprägt, und nicht nur er. Die Beschäftigung des Autorenfilms mit explizit sexuellen Themen hat eine Tradition. Filme wie Susumu Hanis „Das Mädchen Nanami“ von 1968 und „Im Reich der Sinne“ von Nagisa Ōshima von 1975 haben diesbezüglich frühe Akzente gesetzt. Doch während diese Filme auf allen Ebenen homogen erzählen, zersplittern die Filme von Sion Sono regelrecht. Die drei parallelen Handlungsstränge in „Guilty of Romance“, die von Restriktion und Befreiung erzählen, treffen sich immer wieder, driften wieder auseinander und kollabieren schließlich in einem großen finalen Knall.
Überschreitungen
Die visuellen Stilmittel stehen der Story an Komplexität in nichts nach. Sono scheucht seine Geschichte durch eine entfesselte Ästhetik, die Romantik, Grauen, Absurdität und Komik in einem wilden Reigen verbindet. Ganz ruhige, sehr geradlinig aufgebaute Szenen haben dort genauso Platz wie wildes, mit nervöser Handkamera gefilmtes Chaos. All das wechselt ebenso schnell und munter wie der erzählerische Tonfall und die Gemütszustände der Figuren. Wie im Manga führen die emotionalen Zustände der Figuren zum permanenten Stilwechsel zwischen realistischer und expressiver Darstellung. Die klassische Idee der Einheit des Werkes – Sono interessiert das nicht. Er produziert stattdessen eine vitale Vielheit. Diese Vitalität auf allen Ebenen macht Sonos Kino zu einem Kino der Affekte. Neben seinen gleichaltrigen Landsmännern Takashi Miike und Shinja Tsukamoto zählt Sion sicher zu den unkonventionellsten Regisseuren – nicht nur Japans. Die drei Genannten widersetzen sich jeglichen Versuchen der Einordnung. Und Sono macht es einem mit seinen überlangen, affektreichen Dramen am schwersten. Während seine beiden Kollegen zumindest innerhalb der Filme – wenn auch nicht im Gesamtwerk – eine gewisse Homogenität anstreben, sind Sonos Filme vielteilige Puzzle: Das gilt für die Story, das gilt für die Bildästhetik, und das gilt mitunter auch für die Psyche und die Körper der Protagonisten. Der letzte Dialog des Films – „Wo bist Du?“ / „Ich weiß nicht“ – steht exemplarisch für den Geisteszustand der Filmfiguren. Er spricht nach zweieinhalb Stunden verwirrender Extremzustände aber sicher auch vielen Zuschauern aus dem Herzen.
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