Patagonia
Italien 2023, Laufzeit: 112 Min., FSK 16
Regie: Simone Bozzelli
Darsteller: Andrea Fuorto, Augusto Mario Russi, Elettra Dallimore Mallaby
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Ungewöhnliche Liebesgeschichte
Unter Freigeistern
„Patagonia” von Simone Bozzelli
Patagonien ist eine Großlandschaft in Südamerika, die in ihrem westlichen Teil zu Chile und in ihrem östlichen Teil zu Argentinien gehört. In Simone Bozzellis Langfilmdebüt „Patagonia“ stellt sie einen Sehnsuchtsort dar, deren Faszination schon sehr früh in der Erzählung durch den gleichnamigen Song von Osvaldo Behrens geweckt wird, der von einer CD im Wohnmobil des Freigeistes Agostino (Augusto Mario Russi) erklingt. Dieser spielt das Lied seinem neuen Freund Yuri (Andrea Fuorto) vor, und erklärt diesem, die CD sei eines der wenigen Erbstücke seines verstorbenen Vaters. Künftig träumen die beiden jungen Männer davon, gemeinsam nach Patagonien zu fliegen und ihrem bisherigen Alltag damit zu entkommen. Sein Leben vor Agostino hat der knapp 20jährige Yuri zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon hinter sich gelassen, denn vom ersten Moment an war er von Agostinos ungezügelter Lebenseinstellung begeistert, nachdem er ihn als Clown auf der Geburtstagsfeier seines jüngeren Cousins kennengelernt hatte. Yuri ist Waise und wird jeden Monat zu einer anderen Tante weitergereicht, bei der er dann die nächsten Wochen verbringt, teilweise hilft er dabei in der Metzgerei der Familie aus, doch seine Sehnsucht nach Veränderung ist groß.
In Agostino sieht Yuri diese Chance auf Veränderung gekommen, obwohl ihn der etwas ältere Mann nicht immer respektvoll behandelt. Schon bei der ersten Begegnung vor einigen minderjährigen Kindern demütigt er ihn, was in dem unsicheren jungen Mann widerstreitende Gefühle hervorruft. Zum einen fühlt er sich verletzt und zurückgewiesen, zum anderen ist er dermaßen fasziniert von diesem charismatischen Lebenskünstler, dass er kurz danach sein bisheriges Leben hinter sich lässt und mit Agostino in dessen Wohnmobil weiterzieht. Während Patagonien der Sehnsuchtsort der beiden bleibt, wird es zwischen den Männern schließlich immer intimer – aber auch dann, wenn Yuri und Agostino sich im Bett näherkommen, ist Yuri nicht vor den Demütigungen des Älteren gefeit. Simone Bozzelli, der gemeinsam mit Tommaso Favagrossa auch das Drehbuch zu seinem Langfilmdebüt geschrieben hat, erzählt in „Patagonia“ eine höchst ungewöhnliche queere Liebesgeschichte. Allein durch das Setting und die zeit- und alterslos wirkende Hauptfigur scheint die Geschichte wie aus der Zeit gefallen. Ein Großteil des Films ist in einer Art Trailerpark angesiedelt, in dem sich gesellschaftliche Außenseiter zu einem Leben fernab der Normen entschieden haben. Hier werden Drogen konsumiert und freie Liebe praktiziert, die sich nicht um Geschlechter schert und keine Regeln kennt. Auf Yuri übt diese ungewöhnliche Welt eine große Faszination aus, die wir als Zuschauer mit ihm teilen. Seinen Agostino vergleicht Regisseur Bozzelli mit Peter Pan, jener abenteuerlustigen, verführerischen und frechen literarischen Figur, die nicht erwachsen werden will. Es ist faszinierend zu sehen, wie Yuri in seiner Beziehung zu diesem ewigen Kind wächst und reift, um schließlich zum Besonneneren der beiden zu werden.
(Frank Brenner)
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