Sprich mit ihr
Spanien 2002, Laufzeit: 116 Min., FSK 16
Regie: Pedro Almodóvar
Darsteller: Javier Camara, Dario Grandinetti, Leonor Watling, Rosario Flores, Geraldine Chaplin, Caetano Veloso, Pina Bausch, Mariola Fuentes
Zwei Frauen, zwei Männer. Die Ausgangssituation für komplizierte melodramatische Gefühlsentwicklungen. Es droht Beziehungskitsch. Und wenn noch Tragik ins Spiel kommt, kann die Balance schnell kippen, die Geschichte ins Unglaubwürdige und Lächerliche abgleiten. Regisseur und Autor von "Sprich mit ihr" ist Pedro Almódovar. Nie und nimmer könnte es diesem spanischen Meister des Gefühlskinos (Filmtitel wie "Labyrinth der Leidenschaften", "Das Gesetz der Begierde", "Live Flesh - Mit Haut und Haaren" - im Original "Carne tremula" - sprechen für sich) widerfahren, dass ihm eine derartige Konstellation aus dem Ruder läuft. Vielmehr gelingt es ihm stets, beim Zuschauer trotz der Exzentrik seiner Sujets und seines Stils jeden Widerstand zu brechen. Der überwältigenden Rhetorik und atemberaubenden Perfektion seiner Filmsprache kann man sich - auch in seinem neuen Werk - einfach nicht entziehen. Wie er die Hauptfiguren anlegt, lässt bereits aufhorchen. Der eine Mann ist Krankenpfleger, schüchtern und zurückhaltend gegenüber dem anderen Geschlecht. Man könnte ihn für homosexuell halten. Er täuscht dies sogar einmal dem Vater seiner Angebeteten vor, einem Psychiater, aber es ist gelogen und soll sein Geheimnis schützen. Der andere ist Journalist, macht aber nicht viele Worte. Er ist der männlich-verschlossene Typ, wenn sich auch oft seine Gefühle Bahn brechen, und man ihn, von Eindrücken überwältigt, still weinen sieht. Schweigen und Sprechen sind gleichsam als personifiziertes Gegensatzpaar angelegt - eine Dimension, der Almódovar, wie schon im Filmtitel angedeutet, höchste Bedeutung beimisst. An beiden männlichen Protagisten vollzieht sich, bedingt durch ihr Liebes-Erleben, eine frappierende gegenläufige Entwicklung. Am Schluss spricht der große Schweiger sogar mit den Toten, und der Mund desjenigen, der vorher ohne zu zögern fast ununterbrochen mit jemand gesprochen hatte, der ihn gar nicht hören konnte, wird sich für immer schließen. Es ist eine junge Frau, eine Tänzerin, in die er sich verliebt hat, die aber nach einem Unfall seit Jahren im Koma liegt, und von ihm gepflegt wird. Rührende Szenen von großer, fast schmerzender Intensität: der überaus schöne, noch lebende Körper, diese vom Regisseur in makellos komponierten Bildern dargebotene leibliche Form als Bild der reinen Materialität, auf tragische Weise jedes Geistes, jeder Sprache beraubt. Die andere Frau ist Stierkämpferin, voller Willenskraft und von herber, fast männlicher Statur. Sie wird für kurze Zeit die Geliebte des Journalisten, bevor sie durch eine Stier-Attacke schwer verletzt wird und ins Koma fällt. Die beiden Männer lernen sich im Krankenhaus kennen. Ihr unterschiedliches Reagieren auf den erzwungenen Tod der Liebe erfüllt das Drama mit innerer Spannung. Und es geht nicht nur um das Ende oder die Grenzen einer realen Liebesbeziehung - was bei dem Krankenpfleger zu einer fatalen Grenzüberschreitung führt -, es geht auch um das Ende und die Überschreitung von Schranken, von Prinzipien. Des Männlichen und Weiblichen vielleicht, des Körperlichen und Geistigen, des Fühlens und Denkens, Sprechens und Schweigens. Um die Anerkennung von Realität und die Überwindung ihrer Zwänge. Welcher Ort ist für dieses Zwischen reich besser geignet als das Kino. In traumhaft komponierten Bildern, die einmal mehr Almódovars unvergleichliche Meisterschaft bei der Farbgestaltung, beim Einsatz von Musik, bei der Montage und Rückblendentechnik offenbaren (erstmals kommen auch digitale visuelle Effekte zum Einsatz), lässt er uns dahintreiben, führt hinab und hinauf durch ungeahnte Gefühlswelten, an Grenzbereiche, zu denen sich wie von selbst ein Zugang öffnet.
(Heinz Holzapfel)
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