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Im Krieg und auf der Bühne ist alles erlaubt
Foto: A. Kai

Überlebenskampf

30. April 2014

Rosen- und Bühnenkriege auf dem Theater im Juni – Prolog 05/14

Das Wort vom Rosenkrieg täuscht. Was nach kleinen schmutzigen Paarscharmützeln klingt, hat seinen Ursprung im kriegerischen Streit zweier Adelshäuser: Lancaster und York, zwei Seitenlinien der Familie der Plantagenets, die im England des späten 15. Jahrhunderts um die Königskrone kämpften – und die beide eine Rose im Wappen trugen. Es ist eine endlose Ansammlung von Schlachten, Intrigen, Ehen und Meuchelmorden, bei der zahlreiche Richards, Henrys und Edwards ihr Leben ließen oder triumphierten. Bestes Material für einen Dramatiker wie William Shakespeare, der mit seinen Königdramen diese Phase der britischen Geschichte für die Bühne aufbereitet hat. Da man bei dem York-Lancasterschen Ballyhoo sowieso nie durchblickt und kein Theater acht Stücke hintereinander aufführen kann, haben 1997 der Autor Tom Lanoye und der Regisseur Luk Perceval das gesamte Hauen und Stechen unter dem Titel „Schlachten!“ verdichtet. 12 Stunden dauerte der Theatermarathon. In Bonn macht sich nun Hausregisseurin Alice Buddeberg in einer eigenen Fassung an die „Königsdramen“. Lang wird es auf jeden Fall, denn diese Spielzeit kommt zunächst der erste Teil auf die Bühne. Rosenkriege bedeuten wahrscheinlich immer Kampf: zwischen Ehepartnern, zwischen Familien, aber auch des Theaters mit seinem Apparat, wenn es alle Stücke Shakespeares herausbringt.

Wie neidisch waren wir in den vergangenen Jahrzehnten auf die niederländisch-flandrische Theaterszene! Das leichte, fast beiläufige Spiel, die Freiheit von einem Literaturkanon, die zahlreichen Ensembles, die in Produktionszentren arbeiteten – Errungenschaften, die wir gerne unserem Stadttheater und unserer freien Szene entgegen hielten. Nach der Machtübernahme rechtskonservativer Kreise unter Ministerpräsident Rutte in unserem Nachbarland sind wir etwas leiser geworden. Das radikale Sparprogramm der neuen Regierung zeigt, was eine neoliberale Kulturpolitik gepaart mit calvinistischer Theater-Verachtung bedeutet: Bevorzugung von Spitzeninstituten, Zerstörung des Mittelbaus, Theater sollen unternehmerisch denken. Wie man unter solchen Bedingungen arbeitet, dürfte deshalb auch Thema beim Festival Theaterszene Europa der Studiobühne sein. In ihrem Jubiläumsjahr (siehe Rubrik Auftritt) widmet sich das Haus an der Universitätsstraße der Begegnung niederländischer und deutscher Theatergruppen. Im Zentrum stehen natürlich die Gäste aus dem Nachbarland wie Holzinger & Riebeek, die derzeit als das provokanteste Choreographenduo der Szene gelten. Ihr Abend „Wellness“ spielt mit extremen Körperexpositionen, nutzt Yoga als Exerzierübung, Massageöl als Muttermilch und setzt dessen katastrophisch-verbale Überbietung daneben. Oder Panama Pictures um Choreographin Pia Meuthen, die für ihre Kombination von Tanz und akrobatischen Elementen bekannt geworden ist. Oder die Gruppe TAAT um Architekt Breg Horemans und Theaterregisseur Gert-Jan Stam und natürlich andere mehr. Auch mit solchen Gastspielen jenseits der Grenze lassen sich die niederländischen Gruppen in ihrem Überlebenskampf unterstützen.

„Königsdramen“ | R: Alice Buddeberg | 27.6. (Tryout) | Theater Bonn I 0228 77 80 08

Theaterszene Europa – ein niederländisch-deutsches Festival | 7.-14.6. | Studiobühne | 0221 470 45 13

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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