Der Mensch und sein Artenreichtum sind schier grenzenlos. Ihn nutzt die Fotografin Herlinde Koelbl, seit die gelernte Modedesignerin 1976 mit dieser Arbeit begonnen hat. Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zeigt nun eine Retrospektive mit 400 Bildern, die in Themenkreise geordnet eine Übersicht über das Schaffen der renommierten Fotokünstlerin geben.
Neben ihren frühen Serien „Das deutsche Wohnzimmer“ (1980) und „Männer“ (1984) zeigt die Ausstellung auch Koelbls preisgekröntes Werk „Jüdische Porträts“ (1989), dessen eindringliche Wirkung 1989 auch im Jüdischen Museum Frankfurt und 1991 im Spertus Museum in Chicago zu spüren war. Aber der Reihe nach. Die Ausstellung „Spurensuche“ in den hohen weißen Räumen ist auch eine kleine Zeitreise und die (Wieder-)Entdeckung dessen, was den Menschen ausmacht. Es ist oft nicht sein Inneres, wie die Bilder Herlinde Koelbls klarmachen, auch, wenn sie nach dem Innersten spürt.
Am Anfang steht die Promi-Show-Wand. Petersburger Hängung der Schönen, der Reichen, der Berühmten. Das reicht über die Jahrzehnte von René Obermann von der Telekom über das theatrale Multitalent Robert Wilson bis zum Kontrastprogramm Nina Hagen und Günter Grass. Koelbl mag diese Kontraste, diese hinterlistige Gegenüberstellung eines Sterbehospiz in Aachen (1989) mit dem Ball des Sports in Frankfurt (1985) oder dem Bettpfannendienst eines Zivildienstleistenden in Fürstenfeldbruck (1981) mit der Fressorgie beim Festspiel in Bayreuth (1985). Auch die Behausungen in der Serie „Deutsche Wohnzimmer“ zeigen die Differenzen zwischen der unterschiedlich wahrgenommenen Realität: Da ist das schicke Interieur beim Fabrikanten, die schnöde Wohnwand im Hause des Kranführers, das vergipste Zimmer des Künstlers und die Naturholzorgie beim Juristen, schön übereinander gehängt. Und die Quersumme: Peter Handkes penibel aufgeräumtes Schreibzimmer und daneben das inspirierende Chaos bei der Dichterin Friederike Mayröcker.
Die Bilder saugen den Betrachter immer weiter in die designten „Schreckenskabinette“ der menschlichen Selbstdarstellung und die dazu benutzten Hüllen, die sich auch durch Nacktheit nicht ablegen lassen. „Leiblichkeit“ nennt dasHerlinde Koelbl und meint damit starke Frauen, tolle Männer, ein bisschen Mapplethorpe, ein bisschen Burleske, aber alles ungemein eindrucksvoll und zeitlos, alles in den vergangenen Jahrzehnten schon gesehen, klar, aber man sieht es immer wieder gern und mit neuem Erstaunen. „Kleider machen Leute“ – diese Serie ist jung, großformatig und hat neben der ihr eigenen Art von fotografischer Entmystifizierung des Persönlichen auch einen humorvollen Nebel; wer sieht schon mal einen Bischof im Trainingsanzug.
Die gnadenloseste Serie bleibt „Spuren der Macht“ und war eine Langzeitstudie, bei der die Fotografin Personen des öffentlichen Lebens länger als ein Jahrzehnt beobachtete. Dabei ging sie der Frage nach, wie ein Amt den Menschen physiognomisch verändert. Schauen Sie sich die seriellen Fotos des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder oder seiner Amtsnachfolgerin Angela Merkel an, schauen Sie dem posenden Joschka Fischer ins Gesicht. Das sind erschreckende Zeitdokumente.
Herlinde Koelbl „Spurenlese“ I bis 27.1.2013 I Haus der Geschichte der BRD, Bonn I 0228 9 16 50
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