Ein älterer Mann in Fliegerjacke posiert kämpferisch in einer leeren Industriehalle. Er ist gehüllt in eine Aura aus Licht, sein Blick ist auf den Betrachter fixiert. Unmittelbar neben ihm warten andere Personen in ähnlicher Umgebung. Auch sie werden illuminiert. Die Atmosphäre eines Sonnenaufgangs mit flüchtigen Umarmungen zwischen den letzten Nachtschatten und neuem Tagesschimmer fängt Fotografin Anja Schlamann in ihrer Ausstellung „Aurora“ gefühlvoll ein. Über einen längeren Zeitraum porträtierte die Künstlerin 25 ehemalige Beschäftigte der Ellmühle im Deutzer Hafen. Dort wurde zwischen 1909 und 2021 das Aurora-Mehl hergestellt. Im weitläufigen Kunsthaus Rhenania stellen zehn lebensgroße, doppelseitig bedruckte Fahnenstoffe einstige Mitarbeiter:innen vor, die für die Aufnahmen ihren früheren Arbeitsplatz besuchten. Laborant:innen, Elektriker, Lieferanten und der Müller des Hauses gehören neben anderen zu den Repräsentant:innen des Betriebs. Schlamanns Aufnahmen sind sowohl Dokumentation eines Wirtschaftsstandorts als auch emotionale Studie. Im Zuge der temporären Rückkehr spiegelt sich der Verlust des vertrauten Arbeitsplatzes in der Mimik der Abgelichteten durch Wehmut, stille Wut und Verunsicherung wider. Aus den Gesprächen habe sie erfahren, wie eng die Bindung an das Gebäude und dessen Belegschaft gewesen sei. Man habe sich als Familie gefühlt, die zerrissen worden sei, so die ausgebildete Architektin. Die Halle des Kunsthauses Rhenania erscheint als perfekter Ersatz für die Ellmühle, verfügt sie doch über dasselbe Ambiente von Wärme und Helligkeit, das sich stets in Rufweite zum Zwielicht und der Kühle befindet. Mit ihrem Mehl-Wurf gelingt der Künstlerin eine ungewöhnliche Belichtung von Erinnerungen.
Die Bilderserie wird von einem Rahmenprogramm ergänzt. So berichten am 27. März um 18.30 Uhr ehemalige Beschäftigte der Ellmühle von ihren Tätigkeiten. Am 10. April laden die Veranstalter:innen ab 19.30 Uhr zum „Mehl-Dialog“ – einem Expertengespräch mit dem kulinarischen Journalisten Helmut Gote, Pfarrer Stephan Ch. Kessler, Fotografin Anja Schlamann und dem ehemaligen Mühlenwächter Björn Weranek. Die Moderation übernimmt Autor und Journalist Martin Stankowski. Es wird um Anmeldung per E-Mail an dialog@schlamann.com gebeten. Der Eintritt ist frei.
Anja Schlamann: Aurora | bis 13.4. | Do-So 14-18 Uhr | Halle im Kunsthaus Rhenania | www.schlamann.com
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