Auch nach 35 Jahren hat die erneute Lektüre von Art Spiegelmans Comic „Maus“ noch etwas Unheimliches. Wenn sein Vater Wladek im Kapitel sechs „Mausefalle“ im oberschlesischen Sosnowitz auf Besuch ist und die Kinder vor lauter Angst „Hilfe! Mama! Ein Jude“ gebrüllt haben, dann tritt Wladek an der Stelle als Erzähler auf und erklärt: Die Mütter haben immer erzählt: „Sei vorsichtig! Ein Jude wird dich in einem Sack fangen und auffressen!“ ... So was haben sie gelernt ihre Kinder. Damals unter der Schreckensherrschaft der Nazis konnte er noch nicht wissen, dass sein Sohn diese als Erinnerung gespeicherte Geschichte Anfang der 1980er Jahre in Amerika zu einem dieser Underground-Style-Comics verarbeiten und damit berühmt werden wird.
Unter dem Titel Co-Mix zeigt das Kölner Ludwig Museum jetzt eine Retrospektive von Art Spiegelman mit „Comics, Zeichnungen und übrigem Gekritzel“. Mehr als 250 vollständige Bilderfolgen, Skizzen und Titelzeichnungen beinhaltet das umfangreiche Werk des amerikanischen Comic-Autors, dem in der Domstadt gerade der mit 50.000 Euro dotierte Siegfried-Unseld-Preis verliehen wurde. Der Künstler (1948 in Stockholm geboren) dankte bei der Zeremonie ausdrücklich und grinsend „Adolf Hitler, ohne ihn wäre „Maus“ nicht möglich gewesen", sein Preis sei aber hoffentlich keine späte Reparationszahlung gewesen.
Die „Maus“ ist der bekannteste Teil seiner Arbeit. Hier hat er das vom Vater überlieferte Schicksal seiner polnisch-jüdischen Eltern während des Holocausts aufgearbeitet. Die Streifen, die er Anfang der 1980er Jahre gemeinsam mit seiner Frau, der Französin Françoise Mouly im eigenen großformatigen Comic Avantgarde-Magazin „RAW“ als Fortsetzungsgeschichte veröffentlichte, zeigte die persönliche Geschichte anhand von Tiergestalten, Juden zeichnete er als Mäuse, die Deutschen als Katzen, die Polen als Schweine. Die Eltern entkamen knapp den Vernichtungslagern Auschwitz und Dachau, wanderten in die USA aus. Spiegelman wollte dort die politischen Hintergründe erklären, die für die Jugend nur noch Geschichten aus der Historie waren. Dafür erhielt er 1992 als erster Comic-Autor den renommierten Pulitzerpreis.
In der vorzüglichen Ausstellung sind in einer eigenen Vitrine auch seine vom Satire-Magazin MAD beeinflussten Arbeiten für den Kaugummihersteller Topps zu sehen. Als Jugendlicher entwarf Spiegelman dort bis 1989 nicht nur Sammelkarten und Klebebilder, auch dreidimensionale Spielfiguren und neue Süßwaren- Erzeugnisse wie den Garbage Candy, eine Kunststoff-Mülltonne mit Bonbons in Form von Abfällen. Man muss viel Zeit mitbringen ins Ludwig, die Menge der originalen Zeichnungen und Strips ist auf den ersten Blick ziemlich unübersichtlich. Ungewöhnlich ist dort eine Wand aus 144 Einzelzeichnungen, die aus der Entfernung fast wie ein informelles Gemälde wirkt, wenn nicht hier und da ein Hakenkreuz herausleuchten würde. Ein weiteres Highlight: Die Comiczeichnungen zum 11. September, die Spiegelman unter dem Titel „Im Schatten keiner Türme" verarbeitete. Dort machte er sich selbst zum Hauptdarsteller.
„Co-Mix: Art Spiegelman“ | bis 6.1. | Museum Ludwig Köln | Bischofsgartenstraße, Köln | museum-ludwig.de
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